Kultur und Neugier
Gangbang-Partys boomen — 1.529 Events und 95.585 Gäste in Deutschland in einem Jahr. Wer hingeht, und wie geprüft wird
Deutschlands größte Erwachsenen-Community zählte einen Anstieg der Gangbang-Events um 19 % in einem Jahr. Italiens nationales Forschungsinstitut fand heraus, dass die Gruppensex-Erfahrung von Männern in 25 Jahren von 3,2 % auf 20,1 % gestiegen ist. Hinter jeder Zahl steckt dasselbe Detail — Partys ohne Prüfung halten nicht lange.
Sucht man das Wort „Gangbang", ist fast jedes Ergebnis ein Video. Doch im Dezember 2025 setzte ein deutscher öffentlich-rechtlicher Sender das Wort in eine Nachrichtenüberschrift. Die Geschichte handelte nicht von Videos. Sie handelte von der Zahl echter Zusammenkünfte.
Deutschland: 1.529 in einem Jahr
JOYclub, Deutschlands größte sexpositive Community, veröffentlicht jährlich eine Zählung der auf ihrer Plattform gelisteten Events. Von Oktober 2024 bis September 2025 wurden bundesweit 1.529 Events als Gangbangs eingestuft, mit 95.585 Teilnehmenden. Die Events stiegen um 19 % gegenüber dem Vorjahr, die Teilnehmerzahl um 24,4 %. Allein Bayern verzeichnete 421 — mehr als eines pro Tag — mit durchschnittlich 84,3 Teilnehmenden pro Event. Am stärksten wuchs Hessen (+58,1 %), gefolgt von Bayern (+45,2 %) und Baden-Württemberg (+35,1 %). (JOYclub Pressemitteilung, 17. Nov. 2025)
Der hessische Sender hessenschau legte diese Zahlen dem Sexualforscher Mike Laufenberg von der Hochschule Fulda vor. Er warnte, dass unabhängige Forschung nötig wäre, um von einem Trend zu sprechen, und warf die Fragen von Kommerzialisierung und Machtungleichgewicht auf. In Hessen waren 264 von 2.190 Erwachsenen-Events — 12 % — Gangbangs, der höchste Anteil im Land. (hessenschau, 13. Dez. 2025)
Der Jahresbericht der Plattform zeigt das größere Bild: mehr als 30.000 erotische Events und mehr als 2 Millionen Teilnehmende in einem Jahr, jede oder jeder Dritte zum ersten Mal dabei. Zwei von drei Frauen, die zum ersten Mal teilnahmen, kamen wieder. (JOYclub Event Report 2024, 26. Nov. 2024)
Italien: Eine Wiederholungsstudie nach 25 Jahren, dreimal höher
Italiens Sozialforschungsinstitut Censis wiederholte 2026 eine Studie zu Sexualgewohnheiten, die es zuletzt im Jahr 2000 durchgeführt hatte. In einer Stichprobe von 1.000 Personen im Alter von 18–60 Jahren stieg die Erfahrung mit Gruppensex und Dreiern bei Frauen von 0,7 % auf 6,8 % und bei Männern von 3,2 % auf 20,1 %. In derselben Umfrage befanden sich 80,4 % noch in einer festen Beziehung mit einem Partner. (Il Fatto Quotidiano, 24. März 2026) Die meisten Menschen, die Gruppensex ausprobierten, taten das innerhalb einer Beziehung, nicht als Ersatz dafür.
Frankreichs nationale Sexualitätsstudie des Instituts Inserm ergab, dass 2023 23,9 % der Frauen und 32,3 % der Männer in den vergangenen 12 Monaten mehr als einen Partner hatten, ein stetiger Anstieg gegenüber 9,6 % und 22,9 % im Jahr 1992. (Inserm, 13. Nov. 2024)
Die Fantasie wird bereits umgesetzt
2025 fragte JOYclub 4.299 Mitglieder, ob sie eine Gruppensex-Fantasie schon umgesetzt hätten. 64,9 % der Frauen und 63 % der Männer sagten Ja. Nur 9,8 % berichteten von starker Eifersucht. 63,6 % gaben an, vorab vereinbarte Regeln seien wichtig, und 40,9 % hatten ein Safeword vereinbart. (JOYclub, 1. Apr. 2025) Neun von zehn kamen ohne Eifersuchtsproblem durch — eine Zahl, die man zusammen mit der Häufigkeit vorab vereinbarter Regeln lesen sollte.
Argentinien: Eine Community zählt sich selbst
Argentiniens Swinger-Verband ASLA führte 2024 die erste Volkszählung der Community des Landes durch. Von 1.300 Befragten lebten 45 % in den Vororten von Buenos Aires; die größte Altersgruppe war 41–50 Jahre (39 %). Paare machten 66 % aus, Einzelmänner 27 %, Einzelfrauen 6 %. (Infobae, 24. Sep. 2024) Der Verband schätzt, dass rund 1,3 Millionen Argentinierinnen und Argentinier diesen Lebensstil praktizieren — eine eigene Schätzung, keine unabhängig geprüfte Zahl. Die Regel auf seiner größten Jahresparty passt in einen Satz: „Es gibt keine zweite Frage. Kein Insistieren." (Infobae, 25. Apr. 2025)
Die andere Seite des Booms: die Prüfung
Je größer die Zahlen, desto mehr zählt die Tür. Swingathon, Großbritanniens größtes Swinger-Festival, verdoppelte sich 2024 auf über 1.000 Teilnehmende. Veranstalter Matt Cole beschreibt die Zulassungsbedingung: eine Vorgeschichte auf einer etablierten Community-Plattform nachweisen, oder von einem bestehenden Mitglied vorgeschlagen werden. „Jede Person in diesem Bereich wird geprüft, wir lassen nicht einfach jeden rein." Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis wird durchgesetzt, Filmen ist verboten, STI-Tests werden empfohlen. Die Tickets 2025 kosteten 210 £ einzeln und 250 £ pro Paar; 30 % waren Erstbesucher, 50 % wiederkehrende Gäste. (LADbible, 18. Juli 2025)
Das Gegenbeispiel kam im selben Jahr. São Paulos bekanntester Swingerclub erhöhte seinen Samstags-Eintritt für Paare von 215 R$ im Jahr 2023 auf 285 R$ im Jahr 2025, und Folha de S.Paulo berichtete, dass Teilnehmende von kostenpflichtigen Clubs zu privaten Treffen und Apps wechselten. Eine Community-App im brasilianischen Südosten verzeichnete 2024 satte 836.000 neue Anmeldungen. (Folha de S.Paulo Bericht, 10. Aug. 2025) Der Club entgegnete, Einrichtungen, die man zu Hause nicht nachbilden könne, seien sein Vorteil. (Spicy Club Erwiderung, 18. Aug. 2025) Der Kern des Arguments ist einfach: Menschen geben Geld und Zeit nicht für Räume aus, sondern dafür, zu wissen, wer im Raum sein wird.
Wie ZAVOS diese Zahlen liest
ZAVOS überraschen Deutschlands 1.529 nicht. Die Seoul-Community veranstaltet solche Treffen bereits seit 1999. Auffällig ist nicht die Zahl, sondern dass überall dort, wo die Zahlen wachsen, dieselben Mechanismen auftauchen: Prüfung, Bürgschaft, STI-Tests, keine Kameras, vorab vereinbarte Regeln.
Bei ZAVOS-Mitgliedertreffen sind diese Mechanismen der Standard. Die Mitgliedschaft durchläuft eine Gastgeber-Prüfung; Frauen werden nach einem persönlichen Gespräch Vollmitglieder; STI-Testergebnisse werden vor einem Treffen an der Tür geprüft und sofort vernichtet. Es fließt kein Geld. Deutschlands Boom fand auf kommerziellen Plattformen statt. ZAVOS überträgt dieselbe Nachfrage in stadtbasierte Mitgliedergemeinschaften.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen einem Gangbang und einer Orgie? Ein Gangbang dreht sich um eine Person mit mehreren Teilnehmenden; eine Orgie besteht aus mehreren Personen, die sich untereinander mischen. Die deutsche Zählung erfasst nur als Gangbang eingestufte Events.
Sind die deutschen Zahlen verlässlich? Sie stammen aus der eigenen Zählung einer einzigen kommerziellen Plattform. Der von hessenschau befragte Forscher machte denselben Punkt: Die Richtung ist klar, aber die absoluten Zahlen sind die dieser Plattform.
Wie viele sind Erstbesucher? Jede oder jeder Dritte in der deutschen Zählung; 30 % beim britischen Swingathon.
Gibt es bei ZAVOS-Treffen eine Eintrittsgebühr? Nein. Die Kosten für Räumlichkeiten und Verpflegung werden gleichmäßig unter den Anwesenden aufgeteilt, und Gastgeber werden nicht bezahlt.
Quellen sind im Text verlinkt.